reflections

           

Martin Jacques ging bereits dreimal am Tag joggen und erbrach sein Frühstück unmittelbar nach dem Essen wieder. An einem Tag lief er wieder im großen Garten des Établissments seine Runden. Das Wetter war sehr wechselhaft geworden, der Himmel zeigte graue Wolken und es war kühl. An diesem tristen Nachmittag war kaum ein Mensch draußen im Garten zu sehen. Rick entschloss sich zu der Zeit gerade, nach draußen zu gehen und ein paar Zigaretten zu rauchen. Die letzten Tage liefen für ihn nicht angenehm ab. Die Entzugssymptome nahmen zu und er fühlte oftmals das Bedürfnis, vor Schmerzen durchzudrehen. Meistens lag er im Bett rum oder er stahl sich in die Küche und stopfte sich mit Essen zu, um die Begierde nach anderen Suchtmitteln wegzuschieben. Ricks Gesicht war grau, doch die kalte Luft draußen tat ihm gut und er inhalierte den Rauch seiner Zigarette tief ein, was ihn beruhigte.

Entfernt bemerkte er Martin, der weiter unten im Garten gehetzt seine Runden lief. Rick wusste, dass er jeden Tag joggen ging, hatte ihn aber noch nie dabei gesehen. Der Jogginganzug des Jungen hing ihm flatternd wie ein Müllsack an dessen klapperdürren Körper. Der junge Amerikaner hielt Martin immer für 15 oder 16 Jahre, wegen dessen kindlichen und zerbrechlichen Erscheinung (obwohl Martin Jacques 19 Jahre alt war). Da wurde Rick bei seinen Gedanken von einer weiblichen, bekannten Stimme gestört.

„Hi!“

Er drehte sich um und erkannte das hübsche, blonde Mädchen, das er vor einer Woche kennen gelernt hatte. Er lächelte freudig.     

 „Hi, Eve!“                                                                

„Nicht gerade schönes Wetter.. bist du gerne allein?“      

„Ja.“                                                                        

„Ich auch“, sagte Eve.                                               

„Wie geht’s dir?“ fragte Rick.                                      

„Eigentlich gut. Und dir?“

 

Doch Rick war nicht darauf bedacht, diese Frage zu beantworten. Er wollte viel mehr etwas anderes wissen.

 

„Warum bist du eigentlich hier?“ fragte Rick neugierig.

 

„Ich meine, hier in St. Germain?“

 

„Ähm.. Depressionen“, antwortete sie verlegen.

 

„Echt? Du wirkst aber so.. normal.“

 

„Naja.. manchmal.“

 

„Tut mir leid, ich hoffe, ich habe dich jetzt nicht irgendwie verletzt“, erwiderte Rick unsicher.

 

„Nein, das hast du nicht.“

 

„Gut..“ Rick warf seine Zigarettenkippe auf den Boden und zündete sich eine Neue an.

 

„Willst du auch eine?“

 

„Nein, danke.“

 

„Du rauchst nicht? Braves Mädchen..“ Mit der Zigarette im Mund verzog er seine Lippen zu einem Grinsen.

 

Eve errötete leicht, versuchte aber ihre Verlegenheit mit einer Frage zu verdecken und stammelte leicht:

„Rick, du-du hast mir noch nicht erzählt, wie es..dir geht..!“

Rick jedoch war amüsiert und ihm entging ein kurzes, kehliges Lachen.

 

„Wie bei Lacroix, oder?“

 

„Wie findest du ihn?“

 

„Im Grunde ganz okay. Nur kann ich meine Gefühle nicht immer ganz kontrollieren, sozusagen das Biest in mir.“

 

Eve sah ihn besorgt an.

 

„Nein ehrlich, wie geht’s dir, Rick?“

 

Rick zog fest an seiner Zigarette.

 

„Die letzten Tage nicht so gut, da sie mich auf Totalentzug gestellt haben. Ich lag die meiste Zeit im Bett mit Schmerzen. Heute geht es mir zumindest so weit gut, dass ich rausgehen kann.“

 

„Das muss heftig sein..“ meinte die junge Franzosin.

 

„Depressionen können auch heftig sein“, entgegnete Rick. „Die können dich in den Selbstmord treiben.“

 

Bei diesem Satz blickte das Mädchen stumm auf den Boden.

 

„So wie Drogen“, setzte er hinzu.

 

„Echt? Heroin?“ fragte Eve und blickte aufmerksam zu ihm rauf.

 

„Nein, Heroin nicht. PCP. Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Suizidgedanken..“ Dann hielt er kurz inne und machte ein ernstes Gesicht, während er erneut an seiner Zigarette zog.

 

„Woher weißt du von Heroin?“ fragte er streng und spürte Wut in seinem Bauch.

 

„Von.. ähm.. Martin. Er ist mir dir in einem Zimmer. Er hat deine zerstochenen Arme gesehen..“

 

Eve hatte ihr Gesicht von ihm abgewandt und beobachtete Martin, der immer noch im Garten joggte. Rick entschloss, die Wut in seinem Bauch zu ignorieren. Warum sollte er sich mit Eve streiten? Er mochte sie.

 

„Ihr seid befreundet?“ fragte Rick.

 

„Seit einem Jahr. Wir haben uns hier kennen gelernt.“

 

„Du bist schon seit einem Jahr hier?“ fragte er überrascht.

 

„Ja. Ich war zuerst essgestört, hatte Bulimie und war depressiv.“ Ihre Stimme wurde leise.

 

„Martin war zu dem Zeitpunkt schon immer essgestört; Magersucht, Bulimie, alles. Wir.. haben es noch nie hier rausgeschafft.“

 

Rick hörte ihr aufmerksam zu.

 

„Du siehst ja, es wird immer schlimmer mit ihm..!“ Die Stimme versagte ihr und Tränen liefen ihr über ihr hübsches Gesicht. Jetzt schluchzte sie heftig. Rick nahm sie mitfühlend in seine Arme und versuchte, sie zu beruhigen.

 

„Eve“, sagte er, „sieh mich an!“

 

Das Mädchen hielt kurz inne und sah ihn verzweifelt an.

 

„Ihr werdet es hier rausschaffen! Du wirst es hier rausschaffen!“ sagte er ernst und lächelte sie aufmunternd an.

 

Eve schüttelte den Kopf.

 

„Und was ist mit dir?“ schluchzte sie.

 

Darauf wusste er jedoch keine Antwort und nahm sie wieder in seine Arme. Dann flüsterte er ihr ins Ohr: „Ich auch, Eve. Ich auch.“

by me



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